KANN NETZKUNST ALS AVANTGARDE BEZEICHNET WERDEN?

In der Diskussion über Netzkunst gibt es gegenteilige Meinungen darüber, ob diese neue Kunstrichtung als Avantgarde bezeichnet werden kann.

Mit meiner Arbeit möchte ich zur Klärung jener Frage beitragen. Dazu werde ich in einem ersten deskriptiven Teil Netzkunst vorstellen, zur Unterscheidung von anderen Kunstrichtungen Kriterien ausarbeiten und dann untersuchen, ob in der Netzkunst Avantgardemerkmale zu finden sind. In einem zweiten Teil werde ich zur theoretischen Überprüfung des Sachverhalts auf der Grundlage der Luhmannschen Systemtheorie die Einordnung der Netzkunst in ein Kunstsystem und sein Subsystem Avantgarde vornehmen.

Für den deskriptiven Teil soll zugunsten einer Erfassung zeitübergreifender Merkmale auf eine weitere Unterscheidung zwischen den historischen Avantgarden um 1900 und den Post- oder Neoavantgarden nach dem zweiten Weltkrieg verzichtet werden. Und nachdem die Netzkunst noch relativ jung ist, kann ich nicht auf breite Vorkenntnisse hoffen - so wird diese Arbeit auch nebenbei als vertiefte Einführung in die Netzkunst gelesen werden können.

Bei der Auswahl der einzelnen Werke habe ich zum einen darauf geachtet, dass häufig im deutschsprachigen Raum genannte Werke auch hier auftauchen, repräsentativ ist die Auswahl auch allein deswegen nicht. Zum anderen war es gerade bei der näheren Betrachtung eines speziellen Werkes, "Antworten", Bedingung, dass es online verfügbar ist, um auch einen persönlichen Nachvollzug zu ermöglichen.

Dabei besteht die Schwierigkeit einer solchen Internet-Arbeit darin, dass aufgrund der Flüchtigkeit dieses Mediums unter Umständen ein größerer Teil der angegebenen Web-Adressen nach kurzer Zeit nicht mehr existiert.

Daher habe ich im Anhang den Ausdruck eines Netzkunst-Manifestes beigefügt, das etwas näher besprochen wird, und aus demselben Grund den Hauptteil ausführlich mit Web-Adressen versehen. Außerdem sind im Anhang dieser Arbeit weitere Linklisten aufgeführt, mit deren Hilfe das Auffinden geänderter Adressen erleichtert werden soll. Sie dienen dann natürlich auch einer möglichen Weiterorientierung. Es finden sich dort auch eine Reihe von Adressen zur Netzliteratur, die offenbar eine Sonderstellung innerhalb der Netzkunst einnimmt, und deswegen in dieser Arbeit aus später noch näher angeführten Gründen nicht schwerpunktmäßig behandelt wird.

Im theoretischen Teil wird die Systemtheorie Luhmannscher Prägung herangezogen, die nach der Darstellung der für das Verständnis nötigen Grundlagen aber auch kritisch hinterfragt werden soll. Dazu beziehe ich mich vor allem auf Luhmanns Schrift "Die Kunst der Gesellschaft" von 1996, die wohl der aktuellste Text zu diesem Thema ist. Wichtig war mir vor allem der Versuch einer Anwendung systemtheoretischer Axiome auf die Netzkunst, und eine nähere Verortung in einem Subsystem Avantgarde. Dieser Versuch sollte dann auch deutlich machen können, wie mit der Systemtheorie herkömmliche ästhetische Fragestellungen reformuliert werden können, und wie gerade bei einem Thema wie der Avantgarde, die mit der Auflösung von Gattungsgrenzen in Verbindung gebracht wird, diese Theorie einzelne Fachrichtungen innerhalb einer übergreifenden Kunsttheorie integrieren kann.

Es sollte also vor dem Hintergrund der zentralen Fragestellung ein Argumentationsverlauf plausibel gemacht werden - dagegen war eine erschöpfende Ausarbeitung aller in diesem Zusammenhang auftauchender Fragen nicht beabsichtigt, gleichwohl hier natürlich Ansatzpunkte für weiterführende Untersuchungen geboten sind.